Alterspolitik ist stets Generationenpolitik

27.09.2017 in Generationen von Helmut Bachmaier

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Alterspolitik engagiert sich ausser für die Interessen älterer Menschen für generationenverträgliche Lösungen und für eine Erneuerung des Generationenvertrages. «Generationenverträglichkeit» ist neben Umweltverträglichkeit ein Leitkonzept zukünftiger Politik.

Die Auswirkungen der demographischen Revolution werden unsere Gesellschaft erheblich verändern. 2000 betrug der Anteil der über 65-Jährigen an der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz noch ca. 15,3 %. Bis 2040 wird dieser Anteil auf ca. 25% ansteigen. Die Entwicklung der Fertilitäts- und Mortalitätsrate zeigt ebenfalls erhebliche Verschiebungen: Um 1900 brachte eine Schweizerin durchschnittlich 4 Kinder zur Welt, heute sind es statistisch gesehen nur noch ca. 1,5 Kinder. Auf der anderen Seite sind die Lebenserwartungen innerhalb des letzten Jahrhunderts um ca. 30 Jahre gestiegen. Und die Dauer des Rentenbezugs betrug 1948 durchschnittlich 3 Jahre, heute beträgt sie ca. 20 Jahre. Diese Tatsachen zwingen zu erheblichen Veränderungen – in allen Teilen der Bevölkerung und zu einem neuen Generationenkonsens. Angesichts der demographischen Entwicklung ist Alterspolitik zukünftig Schrittmacher jeder Gesellschafts- und Sozialpolitik.

Schutz- und Garantiefunktion

Alterspolitik als Bestandteil der Sozialpolitik hat zumindest eine Schutz- und eine Garantiefunktion. Die Schutzfunktion kann reaktiv wirksam werden (z.B. Kompensation von Beeinträchtigungen) oder präventiv ausgerichtet sein (z.B. Diskriminierungsverbot). Die Garantiefunktion soll sozial- und generationenverträgliche Lebensverhältnisse herstellen durch einen inter- und intragenerationellen Interessensausgleich. Hinzugefügt werden kann: Sie hat auch einen Motivierungs- bzw. Aktivierungsauftrag, der die Mitwirkungen der Generationen sinnvoll organisiert.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) betont bei den «Merkmalen der Alterspolitik in der Schweiz» neben der Einkommenssicherung die Prinzipien der Partizipation und Integration: «Unter Alterspolitik werden Massnahmen des Staates (Bund, Kantone und Gemeinden) verstanden, die Einfluss auf die Lebenssituation der älteren Bevölkerung haben. Wichtig sind insbesondere die Sicherung eines angemessenen Einkommens und die Förderung der gesellschaftlichen Partizipation und Integration der älteren Menschen.»

Alterspolitik ist mithin die geplante, ziel- und wertorientierte Mitgestaltung von Lebensformen unterschiedlicher Gruppen von älteren Menschen unter Beachtung der Bedürfnisse anderer Generationen. Geleitet wird sie von der Idee der sozialen Gerechtigkeit, dem Solidaritäts- oder Subsidiaritätsprinzip und den Grundsätzen einer modernen Alterskultur. Eine solche Alterskultur (für jede der Altersphasen differenziert) bedeutet die Förderung einer lebenslangen, an den individuellen Ressourcen orientierten Persönlichkeitsentwicklung.

Biologischer und sozialer Lebenslauf

Der biologische Lebenslauf dehnt sich heute infolge früherer Reifung und längerer Lebenserwartung aus, während sich die soziale Biographie durch verlängerte Ausbildungszeiten und frühere Verrentungen verkürzt. Diese Asymmetrie ist eine der Ursachen für die Schieflage im Generationenverhältnis. Da in zukünftigen Gesellschaften mehrere Generationen immer länger miteinander zusammenleben werden, bedarf es dafür einer eigenen Generationenpolitik.

Transferleistungen

Befragungen und Untersuchungen dokumentieren, dass die Beziehungen zwischen Jungen und Alten tatsächlich besser sind, als in öffentlichen Verlautbarungen oft zum Ausdruck kommt. Dies wird u. a. durch die intergenerativen Transferleistungen unterstrichen. Die öffentlichen Transferleistungen fliessen überwiegend von den Jungen zu den Alten, die privaten Transfers dagegen hauptsächlich von den Alten zu den Jungen, die materielle und immaterielle Leistungen bzw. Hilfen (z.B. Kinderbetreuung) umfassen. Fast 25% der Älteren unterstützen beispielsweise ihre Kinder materiell, während umgekehrt nur ca. 2% der Jungen ihren Eltern finanziell unter die Arme greifen.

Generationenpolitik

Als Prinzip einer zukünftigen Generationenpolitik hat der Familien-Forscher Kurt Lüscher die Partizipationsgerechtigkeit in den Vordergrund gestellt: «Das Postulat der Generationengerechtigkeit gebietet es, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, damit die private und öffentliche Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger Beziehungen zwischen den Generationen die freie Entfaltung der Persönlichkeit aller und in jedem Lebensalter gewährleistet und fördert, unabhängig vom Geschlecht.» Der Generationenvertrag als hypothetischer Sozialvertrag orientiert sich an Wertvorstellungen wie der Generationen- bzw. Partizipationsgerechtigkeit. Wie diese ausgestaltet werden, muss von jeder Generation im Dialog mit den anderen Altersgruppen neu ausgehandelt werden. Dabei sind verschiedene Formen der «Generationengerechtigkeit» zu differenzieren.

Formen der Generationengerechtigkeit

  • Verfahrensgerechtigkeit (Regeln, auf alle gleich anzuwenden; Diskriminierungsverbot)
  • Chancengerechtigkeit (unabhängig von Herkunft und Geschlecht gleiche Möglichkeiten der Bildung)
  • Verteilungsgerechtigkeit (Verteilung von Lasten und Erträgen gleichgewichtig)
  • Leistungsgerechtigkeit (gleiche Leistungen erfordert gleiche Bezahlung, besonders bei den Geschlechtern)
  • Teilhabegerechtigkeit (an öffentlichen Angelegenheiten mitwirken zu können; historisches Beispiel: Frauenstimmrecht).
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Alle Entscheidungen für das Alter müssen stets im Horizont der anderen Generationen gefällt werden. Dann wird es gelingen, Generationenkonflikte zu vermeiden und die Generationensolidarität zu stärken. Dabei soll Alterspolitik die Spielräume jeder Person so strukturieren, dass sie nachhaltig im Rahmen des Generationenvertrages zur Kontinuität der gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.

Ziele einer gegenwärtigen Alterspolitik

Diese Ziele können sich an einem Grundsatz orientieren, der gerontologische Erfahrungen zusammenfasst: Für ältere Menschen ist die Selbständigkeitsförderung durch Prävention und Bildung entscheidend («Zielperspektive»). Selbständigkeit bezieht sich (im Gegensatz zur «Autonomie») auf die kompetente Alltagsbewältigung, Prävention reicht von der finanziellen bis zur gesundheitlichen Vorsorge, Bildung ist nicht mit Wissen gleichzusetzen, sondern mit einem angemessenen Verhältnis zur Mit- und Umwelt. Letzteres impliziert Kreativität. Es ist also erforderlich, in einer Konzeption von Alters- bzw. Generationenpolitik die Themen «Selbständigkeit», «Prävention» und «Bildung» zu thematisieren, wobei es stets auf die Teilhabe der älteren Menschen ankommen wird.

Teilhabe

Aus den Funktionen einer Alterspolitik kann abgeleitet werden, dass ein aktives Alter mit seinen Chancen und Möglichkeiten (Chancen- und Kompetenzmodell des Alterns statt Defizitmodell) insbesondere auf die Teilhabe der Älteren an Planungen und Entscheidungen angewiesen ist. Erfahrungen der Älteren (Erfahrungswissen) und ihre Kreativität (neue Lösungen für alte oder gegenwärtige Probleme) sollten einen hervorragenden Platz in der Praxis erhalten. Spezielle Konsultationsgremien (Altersparlament, Ältestenrat), Ideenwerkstätten, Kreativitätsateliers sind Möglichkeiten, um die Gestaltung einer zukünftigen Altersgesellschaft vorzubereiten. Dazu muss die Teilhabe der Älteren organisiert werden. Ein besonders Aktionsfeld sind die nachberuflichen Neustarter, denen die Alterspolitik besondere Aufmerksamkeit schenken sollte, damit ihnen keine sozialen, steuerlichen oder rechtlichen Hindernisse in den Weg gelegt werden.

Literatur: Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Göttingen 2015, S. 176ff.

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