Die Bedeutung der Schamkultur

21.07.2017 in Alterskultur von Helmut Bachmaier

Schamkultur 1

© news.uzh.ch

Die Beziehung zwischen einzelnen Menschen, insbesondere der Umgang mit älteren Personen, wird oft durch Tabus und durch das Schamgefühl bestimmt.

Die amerikanische Ethnologin und Vertreterin der kulturvergleichenden Anthropologie, Ruth Benedict, hatte vor einigen Jahrzehnten das Begriffspaar Schamkultur/Schuldkultur in die Debatte geworfen (The Chrysanthemum and the Sword. Patterns of Japanese Culture, New York 1946; [dt.] Chrysantheme und Schwert. Formen der japanischen Kultur, Frankfurt a. M. 2006). Bei Schamkultur dachte sie an die asiatischen Kulturen (die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut, „das Gesicht nicht verlieren“) und bei der Schuldkultur (Gewissensbildung und Sühneverhalten bei Schuld) an die europäische Situation, die vor allem durch den Protestantismus geprägt wurde.

Schuldgefühle und Scham sind Ausdruck eines intrinsischen Normenzwangs, eine späte Folge des Glaubens an eine Erbsünde, oder sie entstehen aus der Bildung des Gewissens. Schuldgefühle können sich besonders dann entwickeln, wenn einer anderen Person etwas zustösst, für das man selbst Ursache ist und sich damit verantwortlich fühlt. Literarisch werden diffuse Schuldgefühle ohne konkreten Anlass von Franz Kafka im seinem „Prozess“-Roman eindringlich thematisiert.

Schamkultur 2

Das Feigenblatt – ein puritanischer Verhüllungsakt

© pixabay

Selbsterkenntnis und Scham

Im Alten Testament (Genesis 3,1-22) wird vom ersten Sündenfall, vom göttlichen Verbot, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen, und dessen Übertretung (Erbsünde) sowie von der Vertreibung aus dem Paradies erzählt. Das Verbot ist notwendig, weil sonst die Menschen Gott gleichgestellt wären, nämlich wie er, Gutes und Böses zu erkennen.

Als sie nach der gelungenen Versuchung durch die Schlage von der Frucht gegessen hatten, gingen ihnen buchstäblich die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Mit Feigenlaub bedeckten sie ihre Scham und versteckten sich. Das Wissen um ihre Nacktheit ist verbunden mit der Selbsterkenntnis, der Selbstwahrnehmung, aus der das Schamgefühl sowie das moralische Urteilsvermögen entstehen.

Gott wird Adam und Eva ausserdem noch extra verbieten, vom Baume des Lebens zu essen, denn das würde sie unsterblich machen.

Schamkultur 3

Michelangelo: Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies (Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle).

© de.wikipedia.org

Zivilisationsprozess

Norbert Elias vertritt in seinem epochemachenden Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ die These, dass im historischen Verlauf mit wachsender Freizügigkeit das Schamgefühl immer stärker verinnerlicht wurde. Die Scham bei eigener Nacktheit hat sich nach Elias in Europa erst seit dem Mittelalter herauskristallisiert. Die höfische Kultur hat die Affektkontrolle dann verfeinert und mit Tabus abgesichert, was dann später in der modernen Gesellschaft als Habitus generalisiert wurde. Demnach zügelte die Scham die Lust und die Emotionen.

Hans Peter Duerr versuchte dagegen, in seinem Werk „Der Mythos vom Zivilisationsprozess“ vehement nachzuweisen, dass die genitale Scham bei allen Populationen immer und überall bestanden habe, also nicht historisch gewachsen, sondern eine anthropologische Konstante sei. Auch bestreitet er einen Anstieg der Schamschwellen durch den Prozess der Zivilisierung, sondern sieht eher eine wachsende Schamlosigkeit im Anmarsch. Der digitale Müll in sog. Sozialen Netzwerken könnte Duerr noch bestätigten.

Scham oder Moral: Was war zuerst?

Dieser Streit ist einer anderen Kontroverse vergleichbar, nämlich, was zuerst da war: die Scham oder die ethische Grundhaltung. Entspringt die Scham ethischen Überzeugungen, die verinnerlicht wurden – oder ist die Moral eine Folge unserer Schamgefühle?

Adolph Freiherr von Knigge forderte in seinem bekannten, dem Geist der Aufklärung verpflichteten Werk “Über den Umgang mit Menschen” (1788): “Tue nichts im Verborgenen, dessen du dich schämen müsstest, wenn es ein Fremder sähe”. Er empfahl damit, stets auf das eigene Schamgefühl zu hören, denn dieses schütze einen selbst vor möglichem Fehlverhalten. Und im Verhalten gegenseitiger Beschämung oder Herabsetzung entdeckter er das Gewaltpotential in menschlichen Beziehungen. Deshalb sind für ihn Rücksichtnahme und Selbstkontrolle, und dazu gehört wesentlich ein gutes Benehmen, die Spielregeln einer gerechten Gesellschaft. Scham hat damit eine wesentliche Kontrollfunktion bei Interaktionen, und sie bewahrt vor einem Normenverstoss bei gesellschaftlichen Konventionen.

Friedrich Schleiermacher stellte in dem „Versuch über die Schamhaftigkeit“ (in einem Abschnitt in den „Vertrauten Briefen über die Lucinde“, erschienen 1835) fest, dass die Scham wie eine Schranke dazu diene, sich nicht mit verschiedenen Vorstellungen und Ideen der Liebe auseinandersetzen zu müssen und der Kommunikation darüber enthoben zu sein. Diese Schranke trennt nämlich die eigentliche Liebe von der rohen Begierde.

In der existentialistischen Philosophie bei Jean-Paul Sartre (L’être et le néant, 1943; [dt.] Das Sein und das Nichts) zeigt sich in der Scham das „Für-andere-Sein“. In der Scham wird anerkannt, dass ich so bin, wie die anderen mich im Blick haben. Es ist eine entfremdete Konstitution des Ich durch das Schamgefühl.

Schamkultur 5

Wo im Gehirn Scham repräsentiert wird

© br.de

Das Ungenügen

Bei der Scham, die eine Ursache oder eine Folge einer moralischen Norm sein kann, setzen wir hier die Akzente etwas anders, denn Scham ist eine bekannte Reaktion (Erröten), etwa bei Kritik. Scham entsteht offensichtlich, wenn jemand an sich selbst ein Ungenügen feststellt: „Ich schäme mich, weil ich das nicht (mehr) kann“ oder „Ich genüge mir nicht (mehr)“. Diese Aussagen verweisen darauf, dass das Selbstwertgefühl verletzt worden ist oder dass das Selbstbild beschädigt wurde. Minderwertigkeitsgefühle können Scham auslösen. Diese kann eine Reaktion auf eine Kränkung, mehr aber noch auf eine manifeste Insuffizienz sein, ebenso eine Reaktion mit dem Bewusstsein, einen Makel zu haben, der auch für andere erkennbar ist. Dieser ist umso gravierender, wenn davon ausgegangen wird, dass jede Person für sich und für ihr Handeln selbst verantwortlich ist.

Man kann sich aber auch für andere schämen (das sog. Fremdschämen), wenn diesen solches Gefühl abhandengekommen ist, etwa durch die Kunst der Schamvermeidung als brutale Managerqualifikation. Sexuelle Missbrauchsopfer haben dagegen aus falsch verstandener Scham jahrelang geschwiegen.

Verletzung der Schamgrenzen

Ein eindringliches Beispiel für eine massive Verletzung der Schamgrenzen und eine ungeheuere Kränkung einer Frau liefert der Stoff um Kandaules und Gyges bei Herodot („Historien“) bis zu Friedrich Hebbels Drama „Gyges und sein Ring“. Durch einen Zauberring wird es möglich, unsichtbar in das Schlafgemach der Königin einzudringen und die unverhüllte Schönheit Rhodopes zu erblicken. Der weiterreichende Skandal: Gyges wird dazu vom König selbst angestachelt, weil dieser einen Zeugen für die Reize seiner Gattin haben möchte. Dies kann nur tödlich enden.

Scham spielt auch in dem Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, in „Des Kaisers neue Kleider“ (1837), im Zusammenhang mit Schein, Hüllen/Verhüllen, Entblössen und Betrug eine Rolle, wobei die Eitelkeit alle Schamgrenzen verletzt. Obwohl ein Kind den Betrug feststellt, setzt der Hofstaat seine Parade fort.

Schamkultur 6

Illustration von Vilhelm Pedersen (1849)

© de.wikipedia.org

Sexualität und Scham im Alter

Zu einem selbstbestimmten Dasein im Alter gehören die freie Verfügung über die eigene Sexualität und die Bereitschaft, die Lust- und emotionalen Funktionen zu kommunizieren. Dafür müssen die in diesem Bereich vorhandenen gesellschaftlichen Tabus und nicht legitimierbaren Normen überwunden werden, damit Alter durchaus als Erfüllung und durch Lebensfreude gesättigt erfahren werden kann. Es gibt weder Gebote noch Verbote, was Sexualität im Alter anbelangt. Allein Geschmacksfragen, Diskretion und Dezenz dürften hierbei ausschlaggebend sein. Oder aber individuelle Schamgefühle.

Kompetenz und Empathie

Im Alter nehmen nicht selten Fähigkeiten ab, die Selbstverfügung wird eingeschränkt und hautnah erfahren. Es ist einerseits die Scham, die sich bei Entblössung, die von Peinlichkeiten bis zur Nacktheit reichen kann, einstellt, und andererseits die Gewissheit, etwas nicht mehr leisten oder vermögen zu können. Schamgrenzen zu beachten bedeutet deshalb, eine Person nicht bloss zu stellen, ihre Persönlichkeit und Intimität zu achten, sie zu schützen vor möglichen Folgen einer Nachlässigkeit. Jemanden nicht blosszustellen (im doppelten Wortsinne) bedeutet, die Menschenwürde zu achten.

Es kann kein Lebensziel sein, sich einfach in die Schwäche fallen zu lassen und sich dann dafür zu schämen. Vielmehr sollten die vorhandenen Möglichkeiten jeder Person genützt werden, um etwas zu unternehmen. Daraus entstehen Zuversicht und Energie, die statt Scham Lebensfreude erzeugen. Schamgrenzen schützen, Aktivitäten lassen Neues entstehen, und dieses Neue garantiert Zukunft.

Literaturhinweise

  • Léon Wurmser: Die Maske der Scham. Die Psychoanalyse von Schamaffekten und Schamkonflikten. Berlin u. a., 2. Aufl. 1993.
  • Stephan Marks: Scham - die tabuisierte Emotion. Patmos Verlag 2007 (4. Aufl. 2013).
  • Andrea Köhler: Die Scham – eine Spurensuche. SWR2 Essay, 08.04.2013.
  • Ulrich Greiner: Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur. Reinbek b. Hamburg 2014.
  • Inge Kloepfer: Die Scham der Versager, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15. Mai 2016, Nr. 19, S. 39.