Die Wahl der Frauen

08.08.2017 in Filme von Hanspeter Stalder

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Eine Schweizer Comédie humaine: Petra Volpe erzählt im Spielfilm «Die göttliche Ordnung» die Geschichte bis zur Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971. Eine Story zum Lächeln, Lachen und Nachdenken.

1971: Nora Ruckstuhl, eine junge Hausfrau und Mutter, lebt mit ihrem Mann Hans und zwei Söhnen in einem beschaulichen kleinen Schweizer Dorf. Hier auf dem Land spürt man wenig bis nichts von den gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung. Auch Noras Leben bleibt davon unberührt, denn sie ist eine stille Person, die nie aneckt und von allen gemocht wird, bis zu dem Tag, an dem sie anfängt, sich öffentlich und kämpferisch für das Frauenstimmrecht einzusetzen, über das die Männer am 7. Februar abzustimmen haben.

Ihr Widerstand und ihr Bedürfnis, aktiv etwas für die Gleichberechtigung der Frauen zu unternehmen, erwachen, als ihr Mann ihr die Erlaubnis für einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt verweigert und die Tochter ihrer Schwägerin Hanna wegen unkonventionellen Verhaltens eingesperrt wird. Nora merkt, dass es nicht reicht, im Stillen für das Frauenstimmrecht zu sein, sondern dass die Frauen es laut und deutlich fordern müssen. Als sie, unterstützt von der verwitweten Vroni, der ehemaligen Bären-Wirtin, beginnt, öffentlich für das Stimmrecht zu werben und eine Informationsveranstaltung zum Thema ankündigt, legt sie sich mit Frau Dr. Charlotte Wipf an, die ihrerseits das «Aktionskomitee gegen die Verpolitisierung der Frau» leitet. Eine weitere Verbündete findet sie in Graziella, einer geschiedenen Italienerin, die im alten Bären eine Pizzeria eröffnen will. Gemeinsam reisen sie nach Zürich an eine Demo, wo sie sich anschliessend in einem Workshop mit ihren intimsten Körperregionen beschäftigen. Nora erkennt, dass ihr eheliches Sexleben nicht annähernd das ist, was es sein könnte.

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Die grosse Aufbruchstimmung

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Angst vor Veränderung

Bereits mit dem Drehbuch für «Heidi» hat Petra Volpe bewiesen, dass sie für ein breites Publikum eine volkstümliche und sinnvolle Geschichte erzählen und mit der Regie bei «Traumland», dass sie gesellschaftliche Konflikte ausloten kann. Beides wendet sie in «Die göttliche Ordnung» gekonnt an. Der Film unterhält, schildert die damalige Situation und regt zum Nachdenken an. Für die Nachgeborenen stellt er ein Stück Geschichtsunterricht dar über die Beziehung von Mann und Frau in der Schweiz, für Zeitzeugen ist der Film ein Stück Erinnerungsarbeit. Zu recht wurde der Film mit dem «Prix de Soleure 2017» ausgezeichnet.

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Nora, erstmals auf dem Prüfstand

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In einem Interview gibt die Regisseurin Petra Volpe Antworten auf Fragen zum Film:

«Die göttliche Ordnung» ist der erste Spielfilm über das Schweizer Frauenstimmrecht und dessen späte Einführung 1971. Wie bist du ans Thema herangegangen?

Petra Volpe: Ich habe zuerst einmal lange recherchiert, um möglichst viele Stimmen zu hören und das Thema von den unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten. Erst dann habe ich nach und nach die Figuren entwickelt. Alle sind inspiriert von Frauen, die mir im Laufe der Recherche begegnet sind. Es ging mir bei der Entwicklung des Drehbuchs vor allem darum, die Atmosphäre jener Zeit möglichst genau zu treffen, und nicht um historische Fakten. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die sichtbar macht, wie unfrei die Frauen damals waren, wie sehr sie wie Besitz behandelt wurden und wie gross die Widerstände auch 1971 noch waren, als die Frauen die gleichen politischen Rechte verlangten.

Ist die Figur der Nora angelehnt an eine real existierende Person?

Petra Volpe: Die Idee für meine Hauptfigur Nora habe ich auf einem grünen Einzahlungsschein der Frauenstimmrechtsgegnerinnen im Gosteli-Archiv gefunden. Da hat eine junge Hausfrau und Mutter in schöner, sorgfältiger Handschrift geschrieben: Sie sei ja sonst nie politisch, aber dieser Aufruf der Stimmrechtsgegnerinnen würde sie jetzt doch so wütend machen, dass sie sich sogar überlege, aktiv für das Stimmrecht zu kämpfen. Das war der erste Funken für Nora, eine Frau, die aufwacht und sich zu einer politischen Person entwickelt.

Die Widersacherin ist interessanterweise eine Frau. Wieso?

Petra Volpe: Wie bereits erwähnt, sind die Figuren inspiriert durch die Recherche. Aus heutiger Sicht ist es kaum nachvollziehbar, warum gerade unzählige Frauen 1971 noch so verbissen gegen das Stimmrecht gekämpft haben. Es waren oft sehr gebildete Frauen, Akademikerinnen, Dorfköniginnen, die es sich ganz gut eingerichtet hatten und vielleicht einfach nicht wollten, dass ihre Köchin auch etwas zu sagen hat. Wenn man Interviews mit ihnen anhört, kann man fast schon von einem lustvollen Unterwerfungsgestus sprechen. Es ist ein üblicher Mechanismus bei Menschen, die keine Macht haben. Sie sagen einfach: Wir brauchen die Macht gar nicht. Frauen waren in vorauseilendem Gehorsam vehement gegen die Gleichberechtigung. Dieser Umstand ist nachteilig für unsere Gemeinschaft auf ökonomischer, sozialer, politischer Ebene und kann in niemandes Sinne sein. Je gleichberechtigter eine Gesellschaft ist, desto besser geht es ihr, das ist ein statistischer Fakt. In «Die göttliche Ordnung» geht es aber auch um Demokratie, ebenfalls ein hochaktuelles Thema. Abstimmen zu können ist keine Selbstverständlichkeit, die Frauen haben hart dafür gekämpft, und es ist ein hohes Gut, an das wir uns gerade in diesen wirklich schwierigen Zeiten erinnern sollten. Vielleicht müssen sich wieder einmal viele Noras zusammenschliessen und den Laden aufmischen und sagen: So nicht!

  • Regie: Petra Volpe
  • Produziert: 2017
  • Länge: 97 Minuten
  • Verleih: Filmcoopi