Ein Videospiel fürs Gehirn Multitasking im Alter

21.07.2017 in Altersthemen von Brigitte Stemmer

Neuro Racer

© J.A. Anguera

„Computer- und Videospiele, das ist etwas für die Jüngeren!“ Bisher zumindest konnten Ältere sich noch damit herausreden, dass es wissenschaftlich nicht unbedingt erwiesen sei, dass solche Spiele die geistigen Fähigkeiten verbessern. Ein Videospiel verbessert jedoch nachhaltig die Multitasking-Fähigkeit bei Älteren.

Eine 2009 veröffentlichte Metaanalyse¹ war ernüchternd: Mehr als die Hälfte der untersuchten Spiele, die die Hirnkapazität verbessern sollten, wurden schlichtweg als unsinnig bewertet, und bei den übrigen waren die positiven Effekte, so es solche überhaupt gab, äusserst gering. Nur ein Jahr später der nächste Dämpfer: Eine gross angelegte Internet-Studie mit mehr als 11.000 Teilnehmenden zeigte zwar geringe positive Effekte in ganz bestimmten kognitiven Bereichen, aber andere geistige Fähigkeiten wurden dadurch nicht besser.² Eine klug durchgeführte, neue Studie scheint den Skeptikern jetzt jedoch Paroli zu bieten.³

Videospiel NeuroRacer

Im Alter lassen bestimmte kognitive Fähigkeiten nach. Dazu gehört auch das Multitasking, also mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Das heisst aber offensichtlich nicht, dass Ältere ihre Multitasking-Fähigkeiten nicht verbessern könnten. Eine Forschergruppe an der University of California in San Francisco hat das (nicht kommerzielle) Videospiel NeuroRacer entwickelt, das – so man den Ergebnissen Glauben schenken darf – fast Wunder bewirkt.

Fahren und Reagieren

Das Spiel besteht darin, dass man eine kurvenreiche Strecke fährt, während gleichzeitig verschiedene Schilder erscheinen, auf die man reagieren muss. Das Spiel ist so angelegt, dass man beide Aufgaben gut bewältigen muss. Man kann also nicht schummeln und sich mehr auf die eine oder andere Aufgabe konzentrieren. Auch passt sich das Programm automatisch der Leistung des Spielers an, so dass es stets eine Herausforderung bleibt. Wie gut man abschneidet, wird daran gemessen, wie viel Leistungsfähigkeit man einbüsst, wenn man das Multitasking (Fahren und auf Schilder reagieren) mit „nur Fahren“ vergleicht.

16 gesunde freiwillige Versuchskaninchen zwischen 60 und 85 Jahre spielten eine Stunde pro Tag, an drei Tagen in der Woche und vier Wochen lang NeuroRacer. Der Testgruppe wurde eine Kontrollgruppe bestehend aus 30 Freiwilligen gleichen Alters, die das Spiel nicht spielten, gegenübergestellt. Nach vier Wochen wurde wieder gemessen. Die mit dem Spiel nicht vertraute Kontrollgruppe zeigte eine 64%ige Leistungseinbusse beim Multitasking, während bei der Testgruppe die Leistungseinbusse nur bei 16% lag. Damit schlugen sie sogar Zwanzigjährige, die das Spiel zum ersten Mal spielten – die zeigten nämlich immerhin noch eine Leistungseinbusse von 37%.

Aber damit nicht genug. Diese Leistungssteigerung hielt 6 Monate nach Trainingsende an und ging noch mit gleichzeitiger Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses und Steigerung der Konzentrationsfähigkeit einher. Weiterhin wurden im Gehirn mittels EEG Aktivierungsmuster im Vorderhirn gemessen, die denjenigen von jungen Erwachsenen ähnelten.

Die Trainingsaufgaben

Einfaches Training: Nur Autofahren

Nur Auto fahren

Figured reproduced with kind permission from J.A. Anguera

© J.A. Anguera

Multitasking-Training: Fahren und auf Zeichen reagieren

Fahren und auf Zeichen reagieren

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© J.A. Anguera

Ergebnisse der verschiedenen Trainingsgruppen

Ergebnisse der verschiedenen Trainingsgruppen

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© J.A. Anguera

Hirnaktivität gemessen mit EEG zu Trainingsbeginn und nach einem Monat Training

Die Farbskala zeigt die Stärke der Hirnaktivität an (rot = stärkste Aktivierung). Zu Trainingsbeginn ist die Hirnaktivität im Frontalhirn bei den 60+ geringer („grün“) als bei den jungen Erwachsenen („gelb“). Nach einem Monat Multitasking-Training ist das Frontalhirn bei den 60+ stärker aktiviert („rot“) als bei den jungen Erwachsenen und den Älteren mit einfachem oder ohne Training.

Bild XX

Figured reproduced with kind permission from J.A. Anguera

© J.A. Anguera

Gute Nachricht – schlechte Nachricht

Die gute Nachricht:

Die Studie wurde clever konzipiert und durchgeführt. Die Ergebnisse sind beeindruckend.

Die schlechte Nachricht:

NeuroRace ist bisher ein reines Forschungswerkzeug. Andere kommerzielle Videospiele können mit diesem nicht gleichgesetzt werden. Inwieweit kann man den Ergebnissen Glauben schenken? Das bleibt abzuwarten. Die Anzahl der Testpersonen (16) ist gering und die beschriebenen Effekte sind gross, was statistisch problematisch sein könnte. Die Ergebnisse müssen von einer anderen, unabhängigen Forschergruppe mit einer grösseren Anzahl von Testpersonen bestätigt werden.

Literaturangaben (Quellen):

  • ¹ Pappa, K.V., Walsh, S.J., & Snyder, P.J. (2009). Immediate and delayed effects of cognitive interventions in healthy elderly: A review of current literature and future directions. Alzheimer’s & Dementia 5, 50–60.
  • ² Owen, A.M. et al. (2010). Putting brain training to the test. Nature, 465, 775-779.
  • ³ Anguera et al. (2013). Video game training enhances cognitive control in older adults. Nature, published online September 2013, doi:10.1038/nature12486.