Geiz im Alter

02.08.2017 in Persönlichkeit von Helmut Bachmaier

Geiz im Alter_Titelbild

Münchner Inszenierung des „Geizigen“

© Catherina Hess

Aristoteles ordnet in seiner „Rhetorik“ (2. Buch, 13. Kapitel), dem Frühwerk der empirischen Psychologie, dem Alter neben Eigenschaften wie Zurückhaltung, Misstrauen, Narzissmus, Feigheit, Hoffnungs- und Humorlosigkeit ausdrücklich einen Hang zum Geiz zu. Während die Alten zwanghaft ihre Habe zusammenhalten, werfen die Jungen das Geld zum Fenster hinaus. Der Geizige – Pantalone in der Commedia dell’arte, Shylock bei Shakespeare oder Scrooge bei Dickens, gar Dagobert Duck aus Entenhausen – gehört zum Stammpersonal der Literatur- und Menschheitsgeschichte. Während Sparsamkeit und Grosszügigkeit dem rechten Mass entsprechen, sind Geiz und Verschwendung, also ziel- und grenzenloses Haben und Ausgeben, zwanghafte Masslosigkeiten und darum ethisch verwerflich.

Geiz im Alter_Totentanz

Der Reiche/der Geizige (Totentanz 1526)

© Hans Holbein d. J.

Impotenz oder Todesangst

Geiz lässt sich psychoanalytisch mit zwei verschiedenen Ursachen in einen Zusammenhang bringen: mit Impotenz oder Todesangst. Geld ist gewissermassen ein flüssiges Element, man ist gerne „liquide“. Körpersäfte oder Ejakulationen sind die physiologischen Pendants zum Geldfluss. Im Geiz wird das zirkulierende und flüssige Element Geld zurückgehalten, gesammelt, versteckt oder verborgen, nicht ausgegeben. Diese Art der Zurückhaltung ist Selbstzweck und entspricht der physischen oder psychischen Bändigung bzw. Stillegung der sexuellen Energie bei Impotenz. Das Geld bzw. der Impotente wird aus dem Verkehr gezogen und mithin zu einem toten bzw. sterilen Objekt.

Wenn die Lebensenergie abnimmt, dann wird diese Energie symbolisch auf pekuniäre Wertsachen übertragen, die einerseits Ausdruck eines erfolgreichen Lebens (sonst hätte man keinen Besitz), andererseits Resultat von Triebverzicht gewesen sein können. Im Geld wird ersatzweise über das verfügt, was aktuell nicht mehr vorhanden ist. Geiz ist eine Art von Ersatzhandlung: Anstatt sich auf die geschwundenen Kräfte einzustellen, werden Wertsachen akkumuliert.

Habgier gegen Liebe

In Molières Komödie „L’Avare (Der Geizige)“ (1668) wird nicht zufällig der Besitz mit erotischen Bedürfnissen und Liebesbeziehungen in ein wort- und spannungsreiches Verhältnis gesetzt. Der betuchte Geizkragen Harpagon untergräbt alles, was seinen Kindern Lebenslust bedeutet. Er hat nur Sinn für seine im Garten versteckte Geldkassette. Diese ist das eigentliche Objekt seiner Begierde und einzig greifbarer Gegenstand seines Glücks. Als alter Verliebter will er heiraten, während seine Kinder an die verkuppelt werden sollen, die auf Mitgift verzichten. Seine panische Angst vor einem Verlust zeigt einen Charakter, der Besitz im ökonomische wie im erotischen Sinne gleichermassen missversteht. Harpagon wurde zum Sinnbild der Habsucht, der Knauserei und der Geldgier.

Den verhängnisvollen Geiz einer Frau hat der Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić in seinem meisterhaften Roman „Das Fräulein“ – durchaus mit inzestuösen Implikationen – subtil beschrieben.

Soziale Perspektive

In sozialer Hinsicht kann Geiz auch eine zwanghafte Verhaltensweise sein, die der Angst vor Verarmung oder sozialer Verelendung entspringt. Sonst ist Geld ein Mittel, um etwas zu erwerben, zu geniessen, kurz: um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der Geizige verzichtet auf jeglichen Zweck, das Geld ist ihm Selbstzweck. Da er mittels Geld über vielerlei Dinge verfügen kann, bedeutet es für ihn Macht. Geld ist ein abstrakter Verfügungstitel aus der Sicht eines Geizigen. Abstrakt, weil er vom Geld keinen Gebrauch macht, es lediglich wirkungs- und funktionslos an sich zieht.

Der Soziologe und Kulturtheoretiker Georg Simmel („Über Geiz, Verschwendung und Armut“, 1899) schreibt dazu: „Indem der Geizige von vornherein und bewussterweise darauf verzichtet, das Geld als Mittel zu irgend welchen Genüssen zu benutzen, stellt er es zu seiner Subjektivität in eine brückenlose Distanz, die er dennoch durch das Bewusstsein seines Besitzes immerfort zu überwinden sucht.“ Es ist beides im Geiz: das Mittel zum Genuss und sein Verzicht. In dieser Perspektive wird Geiz – besonders im Alter – zum Ausdruck abstrakter Machtphantasien, nämlich etwas ersatzweise zu können, es aber nicht mehr zu wollen.

„Geiz ist geil“

Der Geiz, die Avaritia, zählt in der christlichen Ethik zu den sieben Hauptlastern, die zu den Todsünden führen. Ungeachtet dessen, hat die Elektronikfirma „Saturn“ von 2002 bis 2007 mit diesem unchristlichen und unethischen Slogan geworben und dabei jüngere Menschen motiviert, diese Parole auf ihren T-Shirts vor sich herzutragen. Die Parole spiegelt eine zeittypische Konsumentenmentalität wider, sich alleine am Preis zu orientiert mit Folgen für Qualität und Service. Vorausgegangen war die Spekulationswut der Börsianer, die ihr ungezügeltes Profitstreben mit dem Motto „Greed is good“ („Gier ist gut“) legitimierten.

Loslassen

In seinem Essay „Philosophieren heisst sterben lernen“ (ca. 1580) hat Michel de Montaigne im Rahmen seiner ars moriendi zwei mentale Einstellungen bzw. Verhaltensweisen besonders empfohlen. Die regelmässige, geradezu tägliche Befassung mit dem Tod, statt ihn zu verdrängen, sei hilfreich und könne die Angst mindern. Und das Loslassen-Können als wichtige Übung und Vorbereitung auf das letzte Kapitel des Lebens sei unerlässlich.

Die eigentliche Einübung in den Tod beginnt für Montaigne damit, dass alles allmählich losgelassen wird, was uns an diese Welt bindet, zuerst der Besitz, bis wir es dann nur noch mit uns selbst zu tun haben. „Der Schritt, der uns bevorsteht, ist schwer genug, wir sollten uns nicht zusätzlich belasten.“ Und dies in dem Bewusstsein: „Von allem kann ich leicht Abschied nehmen ausser von mir.“ Loslassen und sich in Gedanken auf den Tod einrichten bedeutet für ihn, „sich auf die Freiheit einrichten.“ Dies ist der konkrete Gegenentwurf zu jeder Art von Altersgeiz.

Philanthropische Perspektive

Aus philanthropischer Gesinnung hat der Industrielle Andrew Carnegie (1835-1919), bekannt als Gründer und Stifter der Carnegie-Hall, sein gesamtes Vermögen für kulturelle, wissenschaftliche und soziale Projekte gestiftet und eingesetzt. In seinem Buch „Evangelium des Reichtums“ (1889) schrieb der Atheist Carnegie: „Ein Mensch, der reich stirbt, ist eine Schande (für die Menschheit).“