Immer ist Anfang

21.07.2017 in Altersthemen von Helmut Bachmaier

Immer ist Anfang

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In jedem Lebenslauf gibt es Einschnitte, die eine bestimmte Phase des Lebens abschliessen und gleichzeitig einen Neuanfang versprechen. „Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen“ (Hugo von Hofmannsthal).

Die verschiedenen Einschnitte bezeichnen verschiedene Ereignisse im Verlauf eines Lebens: In der Kindheit ist es beispielsweise der Schulbeginn, Jahre später der Einstieg in die Berufswelt – oder privat: Die Partnerschaft oder Ehe, die Geburt eines Kindes sind jeweils ein besonderer Neuanfang. Mit jeder Zäsur wird eine bisherige Lebensweise mehr oder weniger abgeschlossen, und es beginnt eine neue Lebensepoche. Die Übergänge von einem zum anderen sind die sogenannten Schwellenereignisse, die oft mit besonderen Festen gefeiert werden. Im religiösen Kontext sind es Konfirmation, Erstkommunion, Firmung oder Bar Mizwa, das Erreichen der religiösen Mündigkeit im Judentum mit dem 13. Lebensjahr. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass im Leben etwas Neues entsteht, dass Neuland betreten wird. Es ist das Versprechen einer interessanten und verantwortungsvollen Zukunft, das oft rituell eingeführt wird.

Übergangsriten oder Passagenriten (rites de passage)

Diese Riten begründet ein Konzept des Ethnologen Arnold van Gennep. Nach ihm gibt es bei einer Person mehrere Übergänge zwischen zwei Lebensstadien, die Bestandteil des sozialen Lebens sind. Diese Übergänge seien sehr labil und müssten deshalb rituell vollzogen werden, eben durch Übergangsriten.

Dabei gibt es jeweils drei Phasen bei allen Übergängen:

  1. Ablösungsphase (Trennung)
  2. Zwischenphase (labiler Zustand, da noch unbestimmt und offen für die Zukunft) - das Schwellenereignis
  3. Integrationsphase (Aneignung, Akzeptanz der neuen Identität).

Der Anfang bestimmt das Ganze

Zur Lebensklugheit gehört das Bewusstsein, dass jeder Fehler im Anfang weitere und grössere Fehler nach sich ziehen wird, denn „der Anfang ist die Hälfte des Ganzen“ (Aristoteles). Deshalb verdienen die Übergänge und Neustarts eine besondere Aufmerksamkeit.

Das gilt in besonderer Weise für den Übergang aus der Berufswelt in die nachberufliche Zeit. Hier ändert sich manches, und es kommt darauf an, wie der Neuanfang in der Pensionierung gesehen wird. Geht man auf Reisen, wird das Hobby gepflegt oder werden neue, etwa ehrenamtliche Aufgabe übernommen? Und wie soll das Leben und Wohnen zukünftig aussehen? Da müssen bereits die ersten Entscheidungen in die richtige Richtung gehen. Welche Voraussetzungen liegen jedoch in der Arbeitswelt, bevor in späteren Lebensjahren eine zweite Karriere gestartet werden kann?

Arbeitswelt der Älteren

Lange Zeit war es selbstverständlich, dass ältere Arbeitnehmer mit Frühpensionierungen oder mit Abfindungen aus den Betrieben aussortiert wurden. Es herrschte die Auffassung vor, dass mit zunehmendem Alter die Leistungs-, Lern- und Innovationsfähigkeit graduell abnehme und deshalb die Zukunft eines Unternehmens nur auf jungen Arbeitskräften ruhen wird. Zwar wurde betont, dass ein guter Altersmix angestrebt werden sollte, aber die Zahlen der Frühverrentung oder das Ausscheiden vor der Pensionierungsgrenze sprechen eine etwas andere Sprache. Zwischen 1996 und 2008 schwankte der Anteil der 55-jährigen und älteren Erwerbstätigen in der Schweiz stets zwischen 62,4% und 67,2%, und rund die Hälfte aller Beschäftigten verliess das Erwerbsleben vor dem offiziellen Rentenalter (Bundesamt für Statistik).

Immer ist Anfang Grafik

Wegen der Bevölkerungsalterung und der tiefen Geburtenrate prognostiziert das Bundesamt für die nächsten Jahrzehnte ein Arbeitskräftedefizit. Und das SECO stellte unter dem Titel „Arbeitsmarktpartizipation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ fest: „Die Partizipation der älteren Erwerbstätigen am Arbeitsmarkt wird wegen der demographischen Alterung auch für unser Land immer wichtiger.“

Einige Fakten

Die mittlere Lebenserwartung ist im letzten Jahrhundert um 30 Jahre gestiegen. Heutige 65jährige haben durchschnittlich noch 20 Lebensjahre vor sich. Diesen Veränderungen in der Mortalitätsrate steht ein massiver Geburtenrückgang gegenüber. Die Fertilitätsrate zeigt, dass im statistischen Mittel Schweizer Frauen nur 1,5 Kinder zur Welt bringen, für die Bevölkerungskonstanz jedoch eine Rate von 2,1 notwendig wäre. Der Nachwuchs wird fehlen, und Ältere werden deshalb Jüngeren nicht die Arbeitsplätze wegnehmen.

Qualifizierte Arbeitskräfte werden knapp

Ältere haben – wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben – eine sehr hohe Arbeitsmoral und ein hohes Qualitätsbewusstsein. Sie verfügen über Erfahrungswissen, das sich in ihrem Berufsleben in einem Unternehmen angesammelt hat. Sie identifizieren sich mit ihrer Arbeit und dem Betrieb, und – was oft überrascht – es gibt weniger Fehlzeiten und weniger Krankheitstage als bei Jüngeren. Schliesslich verfügen sie über eine hohe Sach- und Sozialkompetenz.

Intergenerative Arbeitswelt

Es hat sich gezeigt, dass bei komplizierten Aufgaben besonders gemischte Teams aus verschiedenen Altersgruppen erfolgreicher sind als solche aus homogenen Jahrgängen. So sind etwa Tandems (Jüngere und Ältere an einem Projekt) besonders effektiv, weil in ihnen das aktuelle Verfügungswissen der Jüngeren und das Erfahrungswissen der Älteren kombiniert werden kann. Tandems tragen ausserdem zum besseren gegenseitigen Verständnis unter den Generationen bei. Damit Ältere angesichts der (auch globalen) Wettbewerbssituation nicht nur irgendwie am Wirtschaftsleben partizipieren, sondern eine stärkere Rolle spielen als bisher, sind neue politische, soziale, steuerliche Rahmenbedingungen erforderlich, die über eine altersbedingte Abstufung der Pensionskassenbeiträge hinausgehen müssten.

Entscheidung für die Zukunft: Alternative Neustart

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, noch einmal etwas Neues anzufangen, einen Neustart zu wagen, der einen Lebenssinn geben und die Lebensqualität sichern kann. Dabei spielen die Kompetenzen und Erfahrungen, die oben erwähnt wurden, eine wichtige Rolle. Allein, man muss sich entscheiden und die neue Aufgabe mit Beharrlichkeit verfolgen. Goethe hat über das neue Rollenfach im Alter (Maximen und Reflexionen 259) festgestellt: „Älter werden heisst: selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.“

Informationen zum Projekt „Neustarter

Literaturhinweise

Indikatoren zur Situation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Grundlagen für die nationale Konferenz vom 21. April 2016 (Staatssekretariat für Wirtschaft SECO). Arnold van Gennep: Übergangsriten. 3., erweiterte Aufl., Frankfurt/New York 2005. Zuerst 1909: Les rites de passage. Étude systématique des rites).

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