Therapeutische Gespräche für eine zukünftige Alterskultur

21.07.2017 in Alterskultur von Dieter Loboda

Therapeutische Gespräche für eine zukünftige Alterskultur

© silviarita/pixabay.com

Die Menschen werden älter, und wir müssen uns auf ein erfolgreiches, gelungenes Altsein einstellen (aktive Daseinsgestaltung, Gesundheitsbewusstsein, lebenslanges Lernen), auf ein produktives Altsein (verlängerte Lebensarbeitszeit, individuell gestaltetes Altern, Selbstverwirklichung) und ein solidarisches Altsein (Verpflichtung, generative Aufgaben zu übernehmen).

Dazu bedarf es vielfältiger Gestaltungsspielräume: Spielräume für soziale, bildende, künstlerische, literarische und andere Tätigkeiten geben Raum zur Individuation trotz der Zeitautorität und Alterung, der wir nicht entfliehen können.

Um 1900 kannten wir 10 % chronische Erkrankungen und 90 % Akutfälle. Seit ca. 2000 sehen wir 90 % chronische Erkrankungen und 10 % Akutfälle. Gesundheitliche Verläufe sind wenig planbar und bedürfen deshalb einer rechtzeitigen Vorbereitung mithilfe von ausgebildeten Unterstützern in gesundheitlichen, psychotherapeutischen, pädagogischen, finanziellen, verwaltungsrechtlichen oder medizinischen Bereichen. Was kann alles auf ältere Menschen zu kommen? Pauschal zu nennen sind: Ängste, Verlangsamung, Wahrnehmungsstörungen, Scham, Verunsicherung, Verzweiflung, Misstrauen, Unruhe, Schlafstörungen, Einsamkeit oder Depression. Schlimmer noch und als Identitätsverlust wird das Schwinden von Erinnerungen erlebt.

Mit Spiel und Witz

Friedrich Schiller sagte uns: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Clowndoktoren werden durch Spiel und Humor in Kinderkliniken und Altenheimen zu echten Hilfen. Der Witz, so Sigmund Freud, erlaube, Moral, Tabus und Scham mit Humor lustvoll zu entschärfen und entlaste von Selbstkritik. Wie aber den Kontakt zu Anderen und zu uns selber im Prozess fortschreitender Lebenszeit gestalten?

Im Spiel, wie von Schiller empfohlen? Mit Ermutigung, wie Alfred Adler sie als Kernkompetenz erfolgreich nutzte? Oder mit einer lösungsorientierten Fragetechnik, mit der Steve de Shazer hervorgetreten ist, indem er sagte: „Man kann Probleme nicht mit den gleichen Methoden lösen, mit denen sie entstanden sind“.

Malen als Hilfe und Therapie

Eine Methode scheint allerdings gut geeignet. Das Malen (Ausdrücken, ohne zu bewerten) einer Situation. Bilder sind zugleich intuitiv, rational, sie können mythisch, mystisch und magisch sein bzw. wirken. Sie weisen durch Resonanz auf die biografisch erlernte Resilienz (die Widerstandskraft gegen Krisen). Hier stecken enorme Potentiale, deren Energie schlummert, wenn sie nicht geweckt wird. „Wir müssen innere Bilder berühren, wenn wir sie nutzen wollen“, so die Psychoanalytikerin Luise Reddemann. „Wir haben genügend positive innere Bilder zur Verfügung“ ( Gerald Hüther, Neurobiologe). „Häufig genutzte Bilder verändern ganze Völker und Persönlichkeiten“ (Thomas Macho, Kulturwissenschaftler).

Wenn jemand nicht malen kann, können Gerüche, Berührung, Tanz, Musik, Skulptur, Phantasiereisen, Meditation, Massagen, Singen oder Summen hilfreich sein. Wir müssen eine neue Form im Kontakt mit dem Alter erlernen, einüben und anwenden. Die Einbeziehung der inneren Traumbilder kann ein Schlüssel sein – neben der traditionellen Gesprächstherapie.

Man hat festgestellt, dass manche Ärzte ihre Patienten bereits nach 15 Sekunden im Gesprächsverlauf unterbrechen. Ein Vorgehen, das im Kontakt mit Psychotherapeuten, Supervisoren oder Coaches kaum vorstellbar scheint. Im Alter müssen z. B. Gangarten, Ernährung, Lebenstempo, Selbstversorgung, Kontaktverarmung, Vertrauensverlust, Ängste, Enttäuschung, Selbstzweifel, Schmerz, Umgang mit Schwächen, Wahrnehmungseinschränkungen, Trauer, andauernden Lernanforderungen und eigenverantwortlicher Lebensgestaltung neu erlernt werden. Wie soll man das alles im Gespräch transportieren?

Träume sind Wegweiser

Wir wissen seit Freud, dass verdrängte Wünsche unsere Träume auslösen. Deshalb sind Traumbotschaften wie nicht gelesene Briefe des Unbewussten zu verstehen. Träume sind der Weg zur Individuation und ein autonomer Bewältigungsprozess, Minderwertigkeit zu überwinden, deren Symbole (z. B. Tiere) einen Weg aufzeigen, existenzielle Notwendigkeiten einzusehen. Träume sind authentisch und echt, vor allem, wenn sie wiederkehrend auftreten. Dann sind sie existentiell von Bedeutung, so beschreibt es C. G. Jung.

Die Rolle des Humors

Humor hilft heilen, so verbreitet es die HHH-Akademie (HUMOR HILFT HEILEN). Das kann ein Angebot sein. Der Faktor Zeit kann allerdings alles verhindern. Das Beispiel einer Clowndoktorin zeigt das: Sie hatte den Kontakt zu einem 84-jährigen Mann in einer Alteneinrichtung. Die Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, mittels Luftballons oder Musik einen ersten Kontakt herzustellen, mit vorsichtigen Berührungen eine Resonanz zu erreichen, blieben ohne Erfolg. Also aufgeben wegen einer Demenz, laut Aussage der Stationspflege? Schliesslich entschied sie sich, auch keine Resonanz mehr bewirken zu wollen, und sie wartete still ab. Paradox in Bezug auf ihre Aufgabe. Eine halbe Stunde, ohne etwas zu produzieren? Überraschenderweise nimmt der Mann sie nach etwa 45 Minuten bei der Hand und sagt: „Ist alles nicht so schlimm.“ Beide konnten ihre Tränen nicht unterdrücken. Spätere Begegnungen liessen sich aus organisatorischen Gründen nicht mehr realisieren. Dennoch können andere Impulse (neben der Sprache) genutzt werden, um die Sinne zu beleben. Gemalter Lebenslauf, biographische Erinnerungen, Gedichte, Resilienzerfahrung, Hier-und-jetzt Wahrnehmung, Gefühl und Emotionalität, konkretes Naturerleben, Visuelles, Körper- und/oder Bodenanker, Gestikulierfeedback, Humorintervention, Traumbilder, Fotos, Aromatherapie, Fußreflexzonenmassage, Lieblingsinstrument, Kindheitsmusik, Metapher und Märchen, Imagination, Feldenkrais, Selbsthypnose, vitale Interventionen (Vitamine, Minerale, Sauerstoff), Traumtagebuch, Atemtherapie, Skulpturen mit Ton und Tiere. Die Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber Gesprächskontakte bereichern und ergänzen helfen bis zu den Fragen unerledigter Vorsätze (Entschuldigungen, Nachlass, Abschiede und noch offene Wünsche etc.).

Ein besonderes Beispiel

Das Beispiel eines 67-jährigen im Beratungsgespräch zeigt diese Dynamik auf. Er ist seit vier Jahren Rentner. Die Kinder sind ausgezogen. Zu Hause kriselt es, wenn er zu häufig in den Hoheitsbereich seiner Gattin eindringt, die den Haushalt seit 45 Jahren nach ihren Wünschen führt. 120 Bewerbungen blieben unbeantwortet, lediglich drei Absagen gingen ein. Er fühlt sich gesund, und er ist schockiert, nicht mehr gebraucht zu werden.

Nach den ersten Wochen, die sich wie Urlaub anfühlten, jetzt Tage ohne gewohnte Struktur und ein Entsetzen darüber, dass er keinerlei Vorbeugung für diese Lebensphase eingeplant hat. Aussortiert, abgeschrieben, nicht erwünscht und eine gewisse Lähmung und getrübte Aussichten für die kommenden Jahre, so seine Worte. Die Frage nach dem Sinn drängt sich ihm auf. Ein natürlicher Prozess, der in den ersten Jahren nach dem beruflichen Ausstieg auftreten kann. Für Nebentätigkeiten braucht er Zertifizierungen, und ein Ehrenamt ist noch nicht in seine Überlegungen eingezogen, er will sein Wissen und seine Erfahrungen nicht verschenken. Alles scheint wie eine Sackgasse – aus seiner Sicht. Dann die Frage nach einem Märchen seiner Wahl. Der Eisenhans fällt ihm spontan ein. Dem Mann hinten auf der Kutsche sprengt es im Märchen die Eisenreifen von seiner Brust weg, und er beginnt, sich selbst zu fühlen und wichtig zu nehmen. Ein tiefer Atemzug begleitet seine Erinnerung und seine Augen werden feucht. Malen soll er die nun gelösten Eisenreifen, die ihn so lange eingesperrt gehalten haben. Im Bild entsteht eine Kerze, die an zwei Enden brennt. Einerseits mit seiner Verantwortung für den Beruf und die Mitarbeiter, andererseits für die Anforderungen der Familie mit Kindern. Damit war seine Zeit ausgefüllt. Er selbst hat sich nur über Leistung definieren können. Er wollte länger als bis 65 arbeiten. Plötzlich erkennt er in seinem Bild, dass ein Docht erloschen ist. Das gibt dem zweiten Docht Zeit und ermöglicht ein langsameres Abbrennen des Kerzenwachses.

Lernen und Zeit

Und Lernen? Lernen bedeutet, sein eigenes Verhalten zu ändern und seine Persönlichkeit zu bilden. Übrigens, für alle Ereignisse, Begegnungen und Aktivitäten gilt das Gesetz der mächtigsten Autorität der Welt, der Zeit. Wir können sie nicht kaufen, nicht vermehren, nicht speichern, nicht vermeiden, müssen sie hinnehmen. Hinzu kommt das Geheimnis der Rhythmen, die allenthalben einwirken. Tag und Nacht, Jahreszeiten, Ebbe und Flut, Erdumdrehung, Herz- und Atemrhythmus, Schlafrhythmus etc. Das bedeutet für Therapiegespräche, dass eine Intervention zum falschen Zeitpunkt unwirksam ist. Tempo, Beschleunigung, Internetgeschwindigkeit und jederzeitige Verfügbarkeit von Informationen sind Facetten neuartiger, unnatürlicher Vorstellungen von Zeit. Unsere Beschleunigung von Autos, Eisenbahnen, Essen und Trinken führt dazu, die Wirklichkeit zu verlieren, weil sie an uns vorbeirauscht. Für das Alter gilt, die Qualität einer eigenen Zeit zu realisieren und achtsam zu bewahren gegenüber dem Streben, eine universelle Gleichzeitigkeit erreichen zu wollen.

Selbstreflexionen und Selbstwahrnehmung sind für die individuelle Lebensqualität einer späten Lebensphase stets hilfreich. Wunderbare Beispiele dafür finden sich in den Filmen: „Wolke 7“, „Das letzte Rennen“, „Honig im Kopf“ und „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“.

Literaturhinweise

  • Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Göttingen (Wallstein Verlag) 2015.