Unterwegs zum Glück

21.08.2017 in Erfahrungswissen von Helmut Bachmaier

Glück_Titelbild

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In allen Epochen wollten Menschen Wege zum Glück finden und haben dies als Streben nach Glückseligkeit, nach einem guten Leben oder nach Daseinserfüllung zum Ausdruck gebracht.

Die Glücksgöttin Fortuna wurde dargestellt als Spenderin von Gaben, oder sie wurde zusammen mit dem Glücksrad gezeichnet oder gemalt. Das Glücksrad, das sich dreht und plötzlich stillsteht, galt als Zeichen für die Zufällig- und Schicksalhaftigkeit jeden Glücks. Welches Ziel man im Streben nach Glück auch anvisiert, es wird begleitet von Ungewissheit, Vergeblichkeit, Enttäuschung. Fortuna ist eben eine launische Göttin.

Glück_Fortuna auf dem Glücksrad

Fortuna auf dem Glücksrad

Wunsch- und Glücksmärchen

Glück_Der Glückspunkt

Der Glückspunkt. Fortuna mit dem Glücksrad

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Nicht von ungefähr spielt in den lang tradierten Erzählungen der Märchen das Wünschen, vor allem das rechte Wünschen, eine wichtige Rolle. Wir stossen auf die Glücksspur im Märchen vom „Hans im Glück“: Hans erhält von seinem Meister zum Abschied einen Goldklumpen als Lohn für seine langjährige Arbeit. Auf der Heimreise zur Mutter tauscht er diesen ein und löst damit eine lange Reihe von Tauschgeschäften aus, wobei er immer wieder Glück empfindet, obwohl der Tauschgegenstand stets an Wert verliert. Erst als er alles verloren hat, zu Hause angekommen ist, findet er das wahre Glück. Die Lehre des Märchens: Das Glück findet man nicht in äusseren Dingen oder im Besitz, sondern nur in sich selbst.

Oder in dem Kunstmärchen „Gockel und Hinkel“ (1811/1838) von Clemens Brentano.
Das „Gockel“- Märchen ist gekennzeichnet durch mehrfachen rapiden Umschwung aller Verhältnisse. Angetrieben wird die wundersame Handlung durch einen Zauberring, auf den alsbald eine Jagd einsetzt, denn er ermöglicht die Annullierung der herrschenden Ordnung, weil mit seinem Besitz nicht nur das Wunderbare, „Jugend, Reichtum, Glück und alle Güter der Welt“ gewünscht, sondern auch das Schreckliche herbeigerufen werden kann. Das Märchen erweist sich zu guter Letzt als eine Pädagogik des rechten Wünschens.

Vom Heil zum Glück

Solange die Menschen ihr Streben an der Seligkeit ausgerichtet hatten, nämlich, dass sie am Jüngsten Gericht freigesprochen werden oder dass sie ihr Leben im Jenseits vollenden, war das Heil das Ziel all ihres Handelns. Die Heilsvorstellungen wurden im Prozess der Säkularisierung und Aufklärung, insbesondere im 18. Jahrhundert, transformiert in neue Erwartungshaltungen. Etwas vereinfacht und pointiert kann man diesen Prozess wie folgt beschreiben: Aus der ursprünglichen Heilsvorstellung entwickelte sich die moderne Glücksphilosophie; das – jenseitige – Heil wurde in das – diesseitige – Glück verwandelt. Wenn das Heil intramundan, also innerweltlich wird, dann entsteht das, was wir seit ca. 200 Jahren „Glück“ nennen. Dabei gibt es drei besonders ausgeprägte Glücksideen: das sinnliche, das materielle und das soziale Glück.

Sinnliches Glück

Das sinnliche Glück ist die Liebe oder jede ähnliche emotionale Beziehung, nach der die Menschen streben. Im sinnlichen Glück kommt es zur Wahrnehmung von Nähe, zu einfühlsamen Begegnungen, zu Freude- oder Lusterfahrungen, zu seelisch-körperlichen Reizen und Genüssen. Ob damit Sexualität, Erotik oder eine den ganzen Menschen umfassende Liebe gemeint wird: Jeder dieser Antriebe zielt auf die Einlösung eines Glücksanspruchs ab. Sinnliches Glück wird häufig in Verschmelzungs- oder Einheitsphantasien antizipiert, nämlich die Einheit mit einem anderen Menschen zu erreichen. Trennungen dagegen, Enttäuschungen in der Liebe werden im Alltag als Unglücksfälle besonderer Art empfunden. Die Liebeslyrik bietet ein umfangreiches Repertoire für sinnliche Glücks- und Unglücksszenarien. Natürlich gibt es auch einen sinnlichen Donjuanismus, dem es nicht auf die Tiefe eines Gefühls, sondern auf die Häufigkeit sinnlicher Erlebnisse ankommt: Das Register an Abenteuern ist wichtiger als die Entfaltung einer intensiven Gefühlsbindung.

Don Juan ist der unglückliche Exponent des sinnlichen Glücks. Seine Begierde ist weniger auf den Besitz einer Frau gerichtet – trotz aller Verführungskünste. Er ist vielmehr auf der ewigen Suche nach der Mutter, die er in jeder Frau zu finden hofft. Wenn diese jedoch seinen Verführungskünsten erliegt, muss er sie geradezu zwanghaft verlassen, weil sie damit etwas zugelassen hat, das sein ideales Mutter-Bild zerstören könnte.

Materielles Glück

Inbegriff des materiellen Glücks sind Besitz, Geld, Reichtum. Im Besitz wird die Glücksidee verdinglicht und berechenbar. In die Zeit, als erstmals das Privateigentum den elementaren Rechten des Menschen zugeordnet wurde, fällt auch die erste Garantie des Rechts auf Glück eines jeden Menschen, und zwar in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776). Recht auf Glück und Recht auf Eigentum, die Garantie des eigenen Besitzes, bilden geradezu ein Junktim der bürgerlichen Gesellschaft – bis heute. Welcher Antrieb hinter dem Streben nach materiellem Glück auch stehen mag – Egoismus, Macht oder ein Wille zur Freiheit und Unabhängigkeit –, immer soll damit auch ein bestimmter individueller Glücksanspruch eingelöst werden.

Auch beim materiellen Glück liegt das Unglück sehr nahe, so wenn sich Glücksritter verspekulieren. Die Instabilität des Glücks haben Autoren wie Johann Nestroy („Der Talisman“, „Frühere Verhältnisse“) sehr anschaulich behandelt. Karl Kraus war deshalb der Auffassung, dass Nestroy die Welt nur in Herauf- und Heruntergekommene eingeteilt habe. In Hochstapler-Dramen wie Franz Wedekinds „Marquis von Keith“ werden riskante Spekulationen wie Glücksspiele betrieben, bis das mühsam errichtete Kartenhaus zusammenstürzt.

Soziales Glück

Soziales Glück besteht in Erfolg und Anerkennung. Erfolge im privaten, vor allem im beruflichen Bereich gelten heute als zentrale Glücksziele und sind zu einem Bewertungsmassstab geworden. Dafür wird das Prädikat „erfolgreich“ verliehen: Wer Erfolg hat, verdient Anerkennung. Erfolg macht anziehend, wirkt erotisch. Erfolg hat eine bestimmte Ausstrahlung und Wirkung. Und genau hier beginnt auch eines der Probleme des Alters und das von älteren Menschen.

Da diese bestenfalls ihre erfolgreiche Zeit hinter sich haben, werden sie viel weniger wahrgenommen. Es gibt sogar Ansichten, die gerade deshalb das Alter abwerten, weil es keine Zukunftserwartung auf Erfolg zulasse. Dies verkennt jedoch, dass Erfolg das Ergebnis einer Geschichte und einer langjährigen Bemühung ist und nicht etwas, das permanent produziert werden kann. Entscheidend ist im Alter, dass man auf seine grossen und kleinen Erfolge im Leben stolz sein kann. Und schliesslich: Ein gutes, erfolgreiches Alter ist vielleicht der grösste Erfolg, den man im Leben erzielen kann. Vor allem dann, wenn man noch eine interessante Aufgabe für sich entdecken konnte.

Glücksentwürfe - Gegenentwürfe

Neben den hier kurz skizzierten drei „klassischen“ Glücksideen des Bürgertums gibt es noch eine Reihe anderer. Aber welcher Mensch möchte nicht geliebt werden (sinnliches Glück), wer möchte schon auf ein gewisses Eigentum verzichten (materielles Glück) und wer auf Anerkennung und Erfolg (soziales Glück)?

Figuren der Literatur (Odysseus, Don Quichotte, Faust, Peer Gynt) haben auf ihrer Weltfahrt Glück mit Heimat oder Ehre, mit mütterlicher Liebe sowie mit Geborgenheit und Vertrauen gleichgesetzt. Gegenentwürfe zu den genannten Glücksvorstellungen sehen in der Askese, im Verzicht, in Besitzlosigkeit, in der Bescheidung allein die Garantie für ein dauerhaftes Glück, also um des Glückes willen auf etwas zu verzichten.