Ein Beitrag der Schweizer Berghilfe

«Wir wollen auf der Alp alt werden…»

11.10.2017 in Berghilfe von Max Hugelshofer

Wir wollen auf der Alp alt werden_Titelbild

© Schweizer Berghilfe

Eigentlich wären Lucia und Marco Salmina pensioniert. Aber gemütlich unter den selbst gepflanzten Kirschbäumen sitzen, das liegt auch heute noch erst nach getaner, harter Arbeit drin. Sie bewirtschaften ihre Alpe Capoli im Tessin. Lucia berichtet.

Der Stall, das Weideland, der Grossteil der Tiere – alles war nur gepachtet. Den Kleinbauern Lucia und Marco Salmina bleibt nach der Pensionierung nur noch eine kleine Rente. Und die Alphütte auf Capoli im Valle Maggia. Dort oben betreiben sie weiterhin Alpwirtschaft. Weil sie sich ein Leben ohne diese nicht vorstellen können.

«Wir denken nicht ans Aufhören. Solange wir noch fit genug sind, wollen wir die Alpe Capoli weiter bewirtschaften. Sie ist unser zweites Zuhause. Hier haben wir in den vergangenen 40 Jahren die Sommermonate verbracht, Ziegen und Kühe gealpt und Käse gemacht. Es wäre schade, all das aufzugeben. Denn wir sind die einzigen, die die Alpwiesen auf Capoli noch bewirtschaften. Die umliegenden Rustici werden nur als Wochenend- und Ferienhäuser genutzt. Und wir haben in all den Jahren sehr viel Arbeit und Herzblut in diese Alp gesteckt.

Marco war Anfang 20, als er die Alphütte mit Stall gekauft hat. Wie viele der Rustici im Valle Maggia war die Hütte schon lange verlassen und ziemlich heruntergekommen. Kein Wunder, sie stammt ja auch aus dem Jahr 1877. Nach und nach haben wir die alten Steinhäuser wieder instandgesetzt. Wir richteten eine kleine Käserei und einen Käsekeller ein, bauten ein richtiges Badezimmer an. Gleich zu Beginn verlegten wir ausserdem meterweise Schläuche, um die Alp ans Wassernetz anzuschliessen. Vor ein paar Jahren sind dann noch die Solarzellen auf dem Dach hinzugekommen, die für Strom und Warmwasser sorgen.

Eine Stunde steil bergauf

Eine der wichtigsten Investitionen war die Transportseilbahn. Alpe Capoli ist nämlich nur zu Fuss erreichbar, eine gute Stunde läuft man vom Tal aus steil bergauf. In den ersten Jahren mussten wir jeweils einen Helikopter aufbieten, um alles Nötige für die Alpsaison hinauf zu transportieren. Wenn etwas vergessen wurde oder die Vorräte nicht ausreichten, mussten wir wieder hinunterwandern und die Sachen zu Fuss hinaufschleppen. Zum Glück konnten wir vor 30 Jahren eine ausrangierte Transportseilbahn von der Armee gratis übernehmen. Die Schweizer Berghilfe hatte uns damals beim Aufbau finanziell unterstützt – und auch vor zwei Jahren nochmals Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, als wir einen neuen Motor für die Bahn kaufen mussten. Ohne die Seilbahn wären wir aufgeschmissen, vor allem jetzt im Alter, wo wir nicht mehr allzu schwere Sachen auf die Alp hochtragen können.

Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943

Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.

Die Alpe Capoli ist sozusagen unsere Altersvorsorge. Denn die Hütte hier ist das einzige, das uns gehört. In Aurigeno konnten wir bis zur Pensionierung etwas Land von der Gemeinde und einen Stall pachten. Auch die Ziegen mieteten wir von anderen Bauern, weil wir nicht das Geld hatten, sie zu kaufen. Da Marco und ich beide nicht aus einer Bauernfamilie kommen, konnten wir nicht den Betrieb der Eltern übernehmen, wie das sonst oft der Fall ist.

Selbstversorgung

Ich habe eine Ausbildung in der Krankenpflege gemacht, mein Mann ist gelernter Elektromonteur. Er wollte aber nicht ein Leben lang auf Baustellen arbeiten. Wir wussten, dass es das Richtige für uns ist, Bauern zu sein, Tiere zu halten, in der Natur zu arbeiten, uns selbst zu versorgen. Das gelingt uns hier oben auf Alpe Capoli ganz gut. Wir haben hier einen Gemüsegarten und Obstbäume. Aus den Kirschen und Beeren mache ich Marmelade, die ich im Bekanntenkreis verkaufe. Marco schlägt im Herbst Holz, mit dem wir in Aurigeno unten den ganzen Winter über heizen können – und das sich dank der Transportseilbahn bequem hinunter transportieren lässt.

In Zukunft möchten wir auf Capoli Tiere von anderen Bauern alpen und wieder Käse machen, als kleinen Zustupf zur Rente. Die Alp ist unsere Zukunft. Jetzt, da unsere jüngste Tochter ausgezogen ist, überlegen wir uns, die Mietwohnung in Aurigeno aufzugeben und das ganze Jahr über hier auf Capoli zu leben. Marco würde das sofort machen. Seit wir die Alphütte haben, ist er auch im Winter immer mal wieder durch den Schnee den Berg hoch gestapft, um ein paar Tage auf der Alp zu sein und Sonne zu tanken. Denn im Tal unten sieht man im Winter während Monaten keine Sonne. Dafür ist es auf der Alp dann ganz schön einsam. Marco liebt diese Abgeschiedenheit. Aber ich gehe halt schon gerne mal ab und zu mit Freunden einen Kaffee trinken.»

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Ein anderes Beispiel

Wie viele Bergdörfer hatte auch Mergoscia in den vergangenen Jahrzehnten mit der Abwanderung zu kämpfen. Die Bewohner wurden immer älter, die Jungen gingen für ihre Ausbildung ins Tal und kamen nicht mehr zurück. Doch die Bewohner haben sich ihrem Schicksal nicht ergeben, sondern etwas unternommen. Mit verschiedenen Ideen und Initiativen haben sie dem kleinen Dorf im Tessiner Verzascatal wieder neues Leben eingehaucht und ihre Traditionen erhalten. Der Verein Pro Mergoscia etwa, den die Schweizer Berghilfe unterstützt hat, organisiert Dorffeste, Korbflecht-Kurse, Pizza-Abende und weitere Aktivitäten.