Zeit haben für Neues

25.10.2017 in Perspektiven von Helmut Bachmaier

Eigenzeit Titelbild

© artemis-theater.de

Die Zeit ist nicht beliebig verfügbar. Oft haben wir keine Zeit, sondern die Zeit hat uns. Zeit ist der Hintergrund all unserer Handlungen. Das Konzept der Eigen-Zeit steht für ein Zeitmanagement der Zukunft. Eigen-Zeit ist die Zeit bei einem Neustart.

Wir können aus allem aussteigen, nur nicht aus der Zeit. Wir können unser Land, unsere Sprache, unseren Beruf verlassen, in der Zeit bleiben wir jedoch verhaftet. Sie ist fundamental und etwas Unhintergehbares. Zeit ist auch uneinholbar, wenn an die Zeit der Vergangenheit oder an die Zeit vor dem Anfang der Zeit gedacht wird. Wir feiern jährlich unseren Geburtstag als den Tag, an dem wir in die Zeit eingetreten sind.

Die Schwierigkeit, Zeit zu fassen, liegt in ihrem ambivalenten Charakter. Die Zeit ist in Augenblicken stets präsent, «jetzt» ist der Augenblick aber bereits wieder verschwunden, er hat sich verflüchtigt, und ein anderer Augenblick tritt an seine Stelle. Dadurch wird die Zeit uns entzogen. Präsenz und Entzogenheit der Zeit machen es, dass jedes Nach-Denken über die Zeit dieser hinterhergeht. Erst im Nachgang, nachträglich, findet die Erinnerung einen Weg in die Zeit.

Unverfügbar

Weil Zeit unverfügbar ist, ist Zeit auch nicht Geld, wie oft dahergeredet wird. Geld ist verfügbar, und Ökonomie und Banken sind Institutionen der Verfügung über die universale Ware Geld. In Rainer Maria Rilkes Roman «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» gibt es eine aberwitzige Figur, nämlich Nikolaj Kusmitsch, die eine Zeitbank einrichten will, um Zeit «einzuzahlen» oder «abzuheben», so wie sie es gerade braucht.

Innere Zeit

Un-einholbar, un-verfügbar, un-hintergehbar, un-definierbar: Stets wird Zeit durch Negationen bestimmt. Neben der physikalischen, messbaren, objektiven Zeit gibt es das individuelle Zeitgefühl. Letzteres tritt am deutlichsten bei der Langeweile und Kurzweile zutage. Hier fallen objektive und subjektive Zeit auseinander: Zeitdehnung und Zeitraffung bewirken die Abweichung vom Massstab der Uhr. Die Langeweile, eine Grunderfahrung der Moderne, entsteht aus der Wiederholung von Lebenssituationen und aus der Einschränkung von Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten. Thomas Mann hat im «Zauberberg» (Kapitel: Exkurs über den Zeitsinn) die Langeweile als allmähliches Sterben beschrieben, denn in einem Moment wird alles erlebt, so dass die nachfolgenden Momente nur Wiederholungen sind.

Die innere Zeit verweist auf den Biorhythmus, auf die innere Uhr des Menschen. Da jedes Organ, jede Zelle gewissermassen ihr eigenes Uhrwerk besitzt, ist unser Körper eine riesige Ansammlung von Uhren. Die Chronobiologie ist die Wissenschaft, die sich der Erforschung der inneren Uhren und der anderen Zeitphänomene des Körpers widmet. Ausserdem gibt es die Chronotherapie, nämlich die Auffassung, dass Therapien und Medikamente nur zu bestimmten Zeiten optimal wirken. Arzneimittel sollten danach zu einem genau bestimmten Zeitpunkt eingenommen werden, weil nur an dieser Zeitstelle der Körper gut resorbiert und Nebenwirkungen vermeiden kann.

Geschichtlichkeit der Zeit

Unsere Zeitauffassungen sind selbst der Zeit unterworfen, sind historisch. Die Zeit ändert sich mit der Zeit: Jede Zeit hat ihre eigenen Zeitvorstellungen. In der Antike gab es zumindest drei verschiedene Typen der Zeit: die chronologische, lineare Zeit, benannt nach dem Zeitgott Chronos; die kairologische Zeit, benannt nach dem griechischen Wort für «Augenblick», und die epochale Zeit, die Zeiträume. Die Sonnen- und Monduhren legen Zeugnis ab von zyklischen Zeitvorstellungen; die Sanduhren demonstrieren eindrücklich das langsame Verrinnen der Zeit. Die Kirchturmuhren, Anzeiger der liturgischen Zeit, wurden spätestens im 19. Jahrhundert durch unsere heutigen Zeitmesser und durch unser heutiges Zeitverständnis, die Normalzeit, abgelöst.

Eigenzeit Sonnenuhr

Unsere Zeiteinteilung stammt aus der Epoche der frühen Industrialisierung und der modernen Verkehrstechnik: Die Normalzeit ist die Eisenbahnzeit und ist deshalb erst ca. 160 Jahre alt. Mit dem Fabrikwesen und der Einführung der Eisenbahn bedurfte es einheitlicher Zeiten, um beispielsweise einen Fahrplan erstellen zu können. Wir sagen heute noch: «Es ist höchste Eisenbahn» – und verweisen damit auf die Herkunft unserer Zeitparameter.

Eigen-Zeit oder ein neues Zeitgefühl

Es drängt sich die Frage auf: Wir leben heute nicht mehr am Beginn der Industria-lisierung, sondern am Beginn des Informationszeitalters, und brauchen wir deshalb nicht eine neue Zeit? Eine Antwort: Wir brauchen für die Zukunft, für die Wissens- oder Informationsgesellschaft eine neue Zeit, und diese neue Zeit ist die Eigen-Zeit. Was ist das Besondere an der Eigen-Zeit? In der Eigen-Zeit sollen alle ihre Zeiteinteilung selbst vornehmen. Alle arbeiten nach ihrem Zeitmass, lernen nach ihrem Zeitgefühl, erleben in ihrem eigenen Zeitraum. Diese Einteilung ordnet unser Leben neu. Es wird dabei deutlich, was uns wichtig und wertvoll ist und was nicht. Daraus folgen ein klares Wertempfinden und Orientierungs- und Handlungssicherheit.

Individualisierung

Eigen-Zeit bedeutet eine Individualisierung der Zeit und steht im Gegensatz zu den globalen Zeitentwürfen wie etwa der Internet-Zeit, die eine universelle Gleichzeitigkeit erreichen möchte.

In vier Phasen vollzieht sich die Herauskristallisierung der Eigen-Zeit:

1. Selbstbeobachtung (Wann mache ich was am besten?)

2. Neue Zeiteinteilung (Prioritäten setzen, Einteilen nach dem, was einem wertvoll und wichtig ist.)

3. Wertentscheidung (Zeiteinteilungen sind Wertentscheidungen)

4. Handlungsorientierung (Ich weiss, was ich jetzt am besten mache.).

Wichtig ist dabei zu erfahren, wie ich selbst meine eigene Zeit einteilen und über sie verfügen kann. Freiheit ist die Basis dieses Zeit-Konzepts und ihrer Umsetzung in Handlungen.

Arbeitswelt und Teambildung

Für die Arbeitswelt bedeutet Eigen-Zeit eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit mit Vorteilen für Betriebe wie für die Mitarbeitenden. Für den Arbeitsprozess sind deren kreative Phasen wichtiger als das Absitzen der Regelarbeitszeit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden durch das neue Zeitmanagement in relativ Selbständige verwandelt. Wenn alle in der Arbeitswelt sich dem Eigen-Zeit-Konzept verschreiben, dann bedarf es neuartiger Formen der Konsensbildung und der Kommunikation, sonst würden alle isoliert vor sich hinarbeiten. In der Informationsgesellschaft ist es möglich, durch Vernetzung und Telekommunikation die Arbeit effizienter und erfolgreicher zu organisieren.

Eigen-Zeit ist auch ein wichtiger Faktor bei der Teambildung. Neben fachlicher und sozialer bzw. kommunikativer Kompetenz ist bei den Mitgliedern eines Teams auch ihre übereinstimmende Eigen-Zeit für den Erfolg ausschlaggebend.

Gesundheit und Alter

Im Gesundheitsbereich ermöglicht die Eigen-Zeit, dass für Patienten ein spezifisches Zeitmanagement entwickelt wird, das ihnen und ihrem Wohlergehen angemessen ist. Lebensrhythmus und Tätigkeiten sollen sich nach diesem persönlichen Zeitmesser richten: Jeder Patient erhält gewissermassen seine eigene Uhr mit einem auf ihn zugeschnittenen Uhrwerk. Da wir von der Eigenzeit eines Organs oder einer Zelle sprechen, können zum Beispiel Alterungs- und Krankheitsprozesse über das Eigen-Zeit-Modell erklärt werden. Wenn ein Organ schneller altert, sich schneller abnutzt als ein anderes, so kann es an dessen besonderer Eigen-Zeit liegen. Gesundheit lässt sich in diesem Kontext positiv definieren als die Synchronizität aller Organuhren.

Schliesslich hat das Alter sein eigenes Tempo, seine Eigen-Zeit, wie überhaupt alle Generationen durch ein eigenes Zeitgefühl geprägt sind. Für Personen, die ins Rentenalter kommen, wird der Lebensabschnitt nach der Berufstätigkeit dadurch sinnvoll, dass sie bereits rechtzeitig die richtige und zu ihnen passende Zeit-Einteilung gefunden haben. Wenn dann noch eine frei gewählte Aufgabe und ein Neustart hinzukommen, dann strukturiert Eigen-Zeit die wichtigsten Handlungen.

Literatur:

  • Wolfgang Schivelbusch, «Geschichte der Eisenbahnreise», Frankfurt a. M. u. a. 1979.
  • Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt a. M. 1993.
  • Martin Held (Hrsg.), Von Rhythmen und Eigenzeiten, Stuttgart 1995.
  • Karlheinz A. Geissler, Zeit – verweile doch… Lebensformen gegen die Hast, Freiburg 2000.
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